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Deutschland bei Digitalisierung von Gesundheitswesen und Medizinforschung im Aus?

Professor Doktor Heyo K. Kroemer, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender der Charité, sorgt sich um die Abseitsposition Deutschlands in der Frage der Digitalisierung von Gesundheitswesen, Forschung und Medizin. Die bessere Versorgung und datenschutzrechtliche Gründe sollten besser gegeneinander abgewogen werden. Beispiel für den Rückschritt in Deutschland ist der digitale Impfpass.

Chancen der Digitalisierung

Eine Digitalisierung in diesem Bereich hat Vorteile für den Patienten und die Gesellschaft, so Professor Dr. Kroemer. Für den Einzelnen ist der größte Vorteil, die Daten ständig abrufbar zu haben, und damit auch manche Zweituntersuchung vermeiden zu können. Das Dateneigentum muss dabei beim Patienten liegen. Bestes Beispiel für den Rückschritt in dieser Branche: der Brief mit Ergebnissen, wenn ein Krankenhaus verlassen wird - in anderen wirtschaftlichen Zweigen undenkbar im Jahr 2021.

Vorteile für die Gesellschaft

Die Digitalisierung ist wichtig für die Forschung und die Behandlung von vielen Krankheiten. Als Beispiel wird Lungenkrebs genannt, wo es in den letzten Jahren - auch dank der Digitalisierung - große Fortschritte gegeben hat. Grundlage solch fortschrittlicher Therapien in ein sinnvoller Umgang mit Informationen aus dem gesamten Gesundheitswesen. Viele Patienten sind gern bereit, ihre Daten zur Verfügung zu stellen. Doch sollen diese kommerziell genutzt werden, ist die Zurückhaltung groß, beispielsweise wenn es um die forschende Pharmaindustrie geht. Ein Mittelweg wäre hier, die Daten im öffentlichen Bereich zu halten.

Sinnvolle Datennutzung in Deutschland - Sachverständige kommen zu traurigem Ergebnis

Gerade beim Impfen gegen Corona zeigt sich, dass es keinen digitalen Zugriff auf die Impfunterlagen gibt. Die Impfungen werden in das gelbe Heft eingetragen und sind nur sichtbar, wenn dieses vom Patienten vorgelegt wird. Das gegenteilige Beispiel liefert Israel, wo es eine hohe Impfquote gibt und online die Ergebnisse der Kampagne verfolgt werden können. Nebenwirkungen können so besonders zeitnah erfasst werden. Die Pandemie wirkt sich in dieser Hinsicht positiv aus, weil sie viele solcher Schwachstellen in Deutschland aufzeigt und die Diskussion darüber anregt. Aber im Vergleich zu anderen Ländern stehen wir hier schlecht da. Skandinavien und Niederlande, auch Spanien und Estland beispielsweise sind sehr nachhaltig digitalisiert.

Neues wird in Deutschland sehr schwer umgesetzt

Professor Dr. Kroemer prangert an, dass alles Neue in Deutschland sehr schwierig umzusetzen ist. Über den digitalen Impfpass wird seit Jahren diskutiert. Jetzt wäre er nötig gewesen. Gegen die Digitalisierung sprechen komplexe Strukturen und auch der politische Wille. Während es hierzulande kein Budget für die Digitalisierung in einer Krankenhausfinanzierung gibt, wurde in den USA gesagt: wer in zwei Jahren die entsprechenden digitalen Strukturen nicht geschaffen hat, kann seine Kosten nicht mehr abrechnen. So was hilft. Allerdings soll der Datenschutz nicht zu kurz kommen, wie das in den USA oder anderen Nationen der Fall ist. Hier ist ein Mittelweg gefragt. Doch auch Datenschutz wiederum kostet. In Deutschland werden hohe Forderungen an den Datenschutz gestellt, aber keine Budgets dafür eingestellt. Besonders der Patientenschutz ist in unserem Land eher hintenangestellt.

Verschlafener Vorsprung

Prof. Dr. Kroemer nennt als Beispiel die Elektromobilität, die in Deutschland gründlich verschlafen wurde. Dann entsteht nahe Berlin das Riesenwerk des US-Konzerns Tesla - die Umsetzung eines Technologievorsprungs. So sieht er es auch in der Digitalisierung der Medizin kommen, und nennt dies deshalb "Teslarisierung" des Gesundheitswesens. Digitale Anbieter aus dem Ausland werden ihre Produkte hier anbieten, und Deutschland wird, wegen seines Rückschritts in der Digitalisierung die Technologie einkaufen müssen, und lediglich die Hardware herstellen. Die Krankenhäuser haben wir - aber die technologischen Inhalte werden wir uns anderweitig beschaffen müssen.

Es gibt wunderbare Beispiele für den Fortschritt in der Medizin durch Digitalisierung, wie das Abrufen von Daten des Herzens. So wird ein Vorhofflimmern schnell erkannt. Wird so etwas von der Forschung weiterentwickelt, kann der Fortschritt viele Leben retten - wenn wir diesen Anschluss jetzt nicht verpassen.

Prof. Dr. Koemer geht davon aus, dass aus den Fehlern während der Pandemie gelernt wird und Konsequenzen gezogen werden. Es fehlt jedoch derzeit an politischem Wille und fachlicher Begleitung, um den Nachholbedarf auszumerzen. Das muss sich ändern.



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