Artikel vom 04.02.2026
Die aktuelle Debatte um Fehlzeiten klingt oft wie eine Rechenaufgabe: viele Krankmeldungen, viele Ausfalltage, also müssen die Regeln verschärft werden.
Medizinisch und statistisch ist das Bild komplizierter. Denn: Die Kennzahlen sind nicht deckungsgleich, weil Quellen unterschiedlich zählen und verschiedene Versichertengruppen betrachten.
Hinzu kommen Infektwellen, psychische Belastungen und ein Effekt durch die digitale Krankmeldung. Nur eine saubere Einordnung kann Messung, Ursachen und Maßnahmen trennen.
Das Statistische Bundesamt nennt für 2024 im Schnitt 14,8 Krankheitstage je Arbeitnehmer. Gemeint sind Arbeitstage. Krankenkassenberichte verwenden allerdings häufig Kalendertage und kommen allein deshalb auf höhere Werte, die dann nicht mehr direkt vergleichbar sind.
Zusätzlich unterscheiden sich die Daten, weil Branche, Alter und Region je Krankenkasse auf andere Art verteilt sind.
Mit der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung werden Krankmeldungen in den Beständen der Kassen vollständiger sichtbar, vor allem bei kurzen Ausfällen.
Das erklärt, warum ab 2022 in mehreren Zeitreihen ein Sprung zu sehen ist, ohne dass sich die Gesundheit der Erwerbstätigen im gleichen Maß verschlechtert haben muss. Für Vergleiche über Jahre ist es deshalb entscheidend, ob eine Kennzahl noch alte Meldewege abbildet oder bereits die digitale Erfassung.
Die Telefon-AU ist an Bedingungen gebunden. Eine Erstbescheinigung ist nur bei leichten Erkrankungen möglich, und dies auch nur, wenn die Patienten der Praxis bekannt sind. Obendrein ist sie auf maximal fünf Kalendertage begrenzt.
Eine Verlängerung für diese Erstbescheinigung ist per Telefon nicht vorgesehen. Auch empirisch kann die telefonische AU eher als Randthema angesehen werden: Für 2023 wird ein Anteil von rund 0,9 Prozent an allen Krankschreibungen genannt.
In den vergangenen Jahren haben Atemwegserkrankungen, darunter Influenza, RSV und COVID-19, wiederholt zu hohen Ausfallzahlen geführt. Parallel steigen psychisch bedingte Krankschreibungen, die im Schnitt häufiger lange dauern. Außerdem nimmt der Anteil älterer Beschäftigter zu, wodurch chronische Beschwerden und längere Erholungszeiten stärker ins Gewicht fallen.
Diese Faktoren erklären deutlich, wie die Kennzahlen zustande kommen, und sprechen gegen das Argument, die e-AU sei schuld.
Wirksam sind vor allem Schritte, die Erkrankungen verhindern oder Verläufe verkürzen. Dazu könnten höhere Impfquoten gegen Influenza in Risikogruppen gehören, guter Infektionsschutz im Betrieb selbst und eine Versorgung, die Komplikationen früh abfängt.
Bei psychischen Erkrankungen sind niedrigschwellige Angebote, gute Wiedereingliederung und verlässliche Behandlungspfade zentral.
Wichtig ist eine klare Sprache in der Statistik, damit Arbeitstage, Kalendertage und Erfassungseffekte nicht vermischt werden. Nur so lässt sich die Diskussion von Schuldzuweisungen lösen und auf Prävention, Versorgung und belastbare Daten lenken.